Im Projekt ZUG Zukunft Gesundheitsnetzwerke Rheinland-Pfalz arbeiten Experten des Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz mit Vertreterinnen und Vertretern der gesetzlichen Krankenkassen sowie der rheinland-pfälzischen Krankenhausgesellschaft zusammen. Gemeinsam entwickeln sie Perspektiven für zeitgemäße Strukturen der Gesundheitsversorgung in Rheinland-Pfalz und begleiten deren Umsetzung.

Ziel der Projektgruppe ist die Entwicklung eines Konzeptes, das Handlungsoptionen für Krankenhäuser umfasst und wichtige Themen der Finanzierung analysiert. Mit dem Konzept und seiner Erprobung in den Modellprojekten sollen Wege für stabile und zukunftsfeste Krankenhausstrukturen aufgezeigt werden.

Auf einen Blick - Fakten zum Projekt

  • Projektstart: Im Februar 2020
  • Idee und Projektleitung: Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz (MSAGD), Projektleiter: Dipl.-Kaufmann Jörg Mehr
  • Projektziel: Sicherstellung und Weiterentwicklung der stationären Gesundheitsversorgung in Rheinland-Pfalz: am Patientinnen- und Patientenwohl ausgerichtet, flächendeckend verfügbar, bedarfsgerecht und qualitativ hochwertig. Bei der Modellentwicklung sollen auch sektorenübergreifende Ansätze berücksichtigt werden.
  • Beteiligte Akteure: MSAGD, Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz, Vertreter der gesetzlichen Krankenkassen (AOK, BKK-Landesverband Mitte, IKK, Knappschaft Bahn See, SVLFG, vdek)
  • Projektstruktur: 25 Arbeitssitzungen mit der Projektkerngruppe und der Lenkungsgruppe
  • Modellregionen zur Konzepterprobung: Kreiskrankenhaus St. Franziskus Saarburg, Diakonie-Krankenhaus | Kirn – Stiftung kreuznacher diakonie

Gesundheitspolitische Rahmenbedingungen

Im Projekt „Zukunft Gesundheitsnetzwerke Rheinland-Pfalz“ wurden zunächst Rahmenbedingungen und Herausforderungen zur Sicherstellung einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung analysiert. Dabei standen die Themen Demografie, Fachkräftebedarf, Ambulantisierung, Finanzierungssysteme und Digitalisierung im Fokus. Ein Auszug:

Welche demografischen Veränderungen sind in den kommenden Jahren in Rheinland-Pfalz zu erwarten?
  • Die Einwohnerzahl in Rheinland-Pfalz nimmt laut IGES-Gutachten bis 2025 um 2,1 Prozent ab.
  • Der Anteil alter und hochbetagter Bürgerinnen und Bürger steigt in den kommenden Jahren rasant: Die Anzahl der Einwohnerinnen und Einwohner im Alter von 65 Jahren und älter nimmt laut IGES-Gutachten bis 2025 um 16,6 Prozent zu.
  • Im Vergleich zu 2020 nimmt der Anteil der arbeitenden Bevölkerung in den nächsten zehn Jahren deutlich ab.
In welcher wirtschaftlichen Situation befinden sich insbesondere kleinere Krankenhäuser in Rheinland-Pfalz?
  • Laut Krankenhaus Rating Report 2020 lag der Anteil insolvenzgefährdeter Krankenhäuser in Rheinland-Pfalz im Jahr 2018 zwischen 15 und 25 Prozent. 37 Prozent der Krankenhäuser erzielten ein negatives Ergebnis. Dies betrifft nicht nur kleine Krankenhäuser, sondern zum Teil auch Maximalversorger.
  • Zum Vergleich: Deutschlandweit lag der Anteil der Krankenhäuser mit einem negativen Jahresergebnis im Jahr 2018 bei 29 Prozent. Für das Jahr 2025 wird erwartet, dass bundesweit 38 Prozent der Krankenhäuser ein erhöhtes Insolvenzrisiko und 57 Prozent ein negatives Jahresergebnis ausweisen werden.
  • Wirtschaftlich sind kleine Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung eher benachteiligt, weil sie ihre Fixkosten nur über eine kleine Zahl an Fällen verteilen können.
  • In vielen Krankenhäusern besteht ein großes Ambulantisierungspotenzial. Die Verlagerung der Leistungen in den ambulanten Bereich wird die wirtschaftliche Situation insbesondere kleinerer Krankenhäuser verschlechtern.
  • Für komplexere Eingriffe und Behandlungen sowie solche, bei denen ein Zusammenhang zwischen Fallzahl und Qualität belegt werden kann, steigen die Anforderungen an vorzuhaltende Strukturen beziehungsweise zu erbringende Mindestmengen. Diese Anforderungen können von vielen kleinen Krankenhäusern nicht oder nur zu unverhältnismäßig hohen Kosten erbracht werden.
Wie verändert sich der Arbeitsmarkt für Gesundheitsberufe in Rheinland-Pfalz?
  • Der Fachkräftemangel betrifft im ambulanten und stationären Sektor sowohl die Medizin als auch die Pflege.
  • Hausärztinnen und Hausärzte in Rheinland-Pfalz haben einen sehr hohen Altersdurchschnitt, rund 42 Prozent sind 60 Jahre alt oder älter (Quelle: Hausärzteverband Rheinland-Pfalz 2020).
  • Im vertragsärztlichen Bereich nahm laut Krankenhaus-Rating-Report 2020 bundesweit die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte, die in Teilzeit arbeiten, von 8 Prozent im Jahr 2009 auf 36 Prozent im Jahr 2019 zu.
  • Immer mehr Ärztinnen und Ärzte arbeiten im Angestelltenverhältnis. 2008 waren es 6 Prozent, 2019 bereits 22 Prozent.
  • Der Anteil von MVZ-Ärztinnen und -Ärzten ist von 6 Prozent im Jahr 2010 auf 12 Prozent im Jahr 2018 gestiegen.
  • Gleichzeitig entstehen auch neue Berufsbilder, die Ärztinnen und Ärzte unterstützen oder sogar ärztliche Aufgaben übernehmen können, beispielsweise die Telemedizinische Assistenz (TMA), die zu Patientinnen und Patienten nach Hause fährt und dort wichtige Vitalparameter misst. Im Anschluss behandelt die Ärztin beziehungsweise der Arzt per Videokonferenz. Im September 2020 hat in Rheinland-Pfalz hierzu ein Pilotprojekt in vier Regionen begonnen.

Konzeptentwicklung und Handlungsoptionen

Das Konzept ist ganzheitlich gedacht: Es nimmt die gesamte Versorgungskette in den Blick.

Um die flächendeckende Gesundheitsversorgung in Rheinland-Pfalz sicherzustellen, wird ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt, der die gesamte Versorgungskette in den Blick nimmt, sowohl ambulante als auch stationäre Strukturen berücksichtigt und auf die Vernetzung der Akteure setzt.

Im Rahmen eines Risikomanagements sollen kritische Faktoren identifiziert (zum Beispiel wirtschaftliche Situation der Krankenhäuser, Nachbesetzung von Haus- und Fachärztinnen und -ärzten, Sicherstellung der Notfallversorgung) und rechtzeitig gemeinsam mit allen zuständigen Akteuren Maßnahmen entwickelt werden.

Es ist eine regionale Versorgungslandkarte geplant, die neben demografischen Daten auch Daten zur ambulanten und stationären Versorgung, zur Notfallversorgung, aber auch zu Rehaeinrichtungen, Mobilitätsangeboten und vielem mehr beinhaltet.

In regionalen Netzwerken vernetzen sich kleine Krankenhäuser mit großen Partnerkrankenhäusern.

Das Konzept sieht den Aufbau regionaler Versorgungsnetzwerke im stationären Bereich in den fünf Versorgungsgebieten in Rheinland-Pfalz vor. Das heißt, kleine Krankenhäuser vernetzen sich mit großen Partnerkrankenhäusern und können so auch in ländlichen Regionen die Themen Diagnostik, Therapie, Personalgestellung sowie Aus-, Fort- und Weiterbildung sichern.

Im Zentrum dieser Netzwerke sollen die Maximal- und Schwerpunktversorger als Partnerkrankenhäuser stehen.

Darüber hinaus sollen in den Regionen sektorenübergreifende Netzwerke mit Krankenhäusern im Zentrum entstehen.

Das Konzept strebt eine stärkere Verzahnung zwischen ambulanten und stationären medizinischen und pflegerischen Strukturen an: In Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten und anderen Gesundheitsanbietern sollen regionale Gesundheitsnetzwerke entstehen. In deren Mittelpunkt steht das Krankenhaus, das nach Bedarf und in Abstimmung mit den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten neben stationären Leistungen auch ambulante Angebote, Pflege, Physiotherapie und mehr anbieten kann.

Für Krankenhäuser in der Basisversorgungsstufe sind neben der stationären Grundversorgung zwei Modelle der intersektoralen Gesundheitsversorgung denkbar.

Klinikgestütztes Modell der intersektoralen Gesundheitsversorgung
Wenn in einer Region Haus- und Fachärztinnen und -ärzte fehlen, sollen in enger Kooperation mit dem niedergelassenen Bereich ambulante Versorgungsangebote an das Krankenhaus angegliedert werden, bei Bedarf aber auch beispielsweise Kurzzeitpflege und Physiotherapie.
Zusätzlich soll sich der Krankenhausstandort mit großen Partnerkrankenhäusern vernetzen, damit auch in ländlichen Regionen spitzenmedizinisches Know-how in die Diagnostik und Therapie einbezogen werden kann. Es ist vorgesehen, dass der Krankenhausstandort innerhalb der Region mit anderen Gesundheitsanbietern kooperiert – so würde das Krankenhaus zum Zentrum einer patientenzentrierten und vernetzten Versorgung.

Praxisgestütztes Modell der intersektoralen Gesundheitsversorgung
Praxisgestützte Modelle sind eine Option, wenn ein Träger einen Krankenhausstandort nicht weiter betreiben kann und es sich nicht um einen unverzichtbaren Krankenhausstandort gemäß bundesweiter G-BA-Vorgaben handelt. In einem solchen Fall könnte ein neues Gesundheitszentrum am selben Standort entwickelt werden, das in enger Kooperation mit den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten ambulante medizinische Angebote, Pflege, Physiotherapie und mehr anbietet. Auch hier wird eine starke Vernetzung mit anderen Gesundheitsanbietern der Region angestrebt.

Weitere Maßnahmen des MSAGD zur Stabilisierung einer leistungsfähigen Klinikstruktur in Rheinland-Pfalz

Digitale Vernetzung und innovative Versorgungsformen sind elementare Punkte im Konzept. Das MSAGD hat deshalb zusätzliche Maßnahmen angestoßen, damit die Umsetzung des Konzepts gelingt.

  • Ausweitung der Sicherstellungszuschläge ab 2020
  • Investitionsförderung zum Aufbau digitaler Versorgungsnetzwerke durch das Krankenhauszukunftsgesetz: Vollständige Übernahme des Ko-Finanzierungsanteils in Höhe von rund 60 Millionen EUR
  • Engagement in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe für eine Weiterentwicklung des Vergütungssystems – insbesondere der Vorhaltekosten – und Finanzierung innovativer Versorgungsformen
„Rheinland-Pfalz setzt auf eine gemeinsame Gestaltung der Gesundheitsversorgung. Dabei haben wir alle Generationen und alle Regionen im Land im Blick."
„Durch das Zukunftsnetzwerk können wir als gesetzliche Krankenversicherung gemeinsam mit der Politik und den Gesundheitspartnern die Versorgung im Sinne der Menschen in Rheinland-Pfalz zukunftssicher gestalten."
„Wirtschaftlich gesunde Krankenhäuser sind auch in Zukunft das Rückgrat der medizinischen Regel- und Notfallversorgung der Menschen in Rheinland-Pfalz – gerade im ländlichen Raum."
„Wir brauchen solche zukunftsweisenden Projekte, denn die Zusammenarbeit und Vernetzung im Gesundheitswesen müssen ausgebaut und verstärkt werden."
„Uns liegt die hochwertige qualitative Versorgung unserer Versicherten am Herzen, deshalb unterstützen wir die Etablierung nachhaltiger Strukturen in Rheinland-Pfalz.“
„Für eine zukunftssichere Gesundheits- und Pflegeversorgung in Rheinland-Pfalz müssen alle Akteure zusammenarbeiten. ZUG ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung."
„Eine gute Gesundheitsversorgung gelingt nur in der Zusammenarbeit aller Akteure. Wir brauchen mutige, zielgerichtete und sektorenübergreifende Lösungen!“
„Qualitätsgesicherte Gesundheitsversorgung braucht regionale Lösungen für ambulante und stationäre Angebote. Kluge Gesundheitsnetzwerke müssen gemeinsam entwickelt werden. Dazu braucht es Projekte wie ZUG.“
„Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen profitieren in besonderem Maße von einem sektorenübergreifenden und vernetzten Gesundheitssystem."

Die Projektpartner